Digital Kontrovers! #5 vom 25. September 2018

Report: Social Media – Feind oder Freund von Demokratien und Meinungsfreiheit?

Das Versprechen des Internets von Freiheit und Demokratie schützen

Willkommen in der Welt von George Orwell! Es brauchte nicht lang an diesem Abend, der 5. Auflage des BMZ-Streitgesprächs Digital Kontrovers!, bis sich Podium und wieder zahlreich erschienenes Publikum zum Thema „Social Media – Feind oder Freund von Demokratien und Meinungsfreiheit?“ im Gruselkabinett von Big Brother und Teleschirmen wiederfanden.

China, das ab 2020 eine Art Verhaltens- und Gesinnungs-„Schufa“ (per Social Scoring) plant, in der u. a. kritische Netz-Kommentare mit Repressalien bei Kredit- und Reisefreiheit geahndet werden sollen, war dabei nur ein internationales Beispiel von vielen des Missbrauchs von Social Media.

Facebook und WhatsApp tragen Mitverantwortung für die systematische Denunziation und gewaltsame Ausrottung der Rohingyas, einer muslimischen Minderheit in Myanmar.

Ohne Facebook hätte auch Cambridge Analytica seine zielgruppengerechte Wahlkampf-Beeinflussung im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf nicht durchführen können.

Aber auch in Deutschland brechen Social-Media-Videos mittlerweile rechte Gewalt und Großdemonstrationen wie jüngst in Chemnitz vom Zaun.

Pro-Sprecherin Ann Cathrin Riedel, Gründerin der Agentur UP DIGITAL MEDIA für digitale politische Kommunikationsstrategien und Vorsitzende von LOAD e. V. – Verein für liberale Netzpolitik, riet trotz aller dunklen Seiten der Macht von Social Media, den Ball flach zu halten.

Sie erinnerte an das vielfach belächelte Zitat der Bundeskanzlerin, dass wir beim Internet in Deutschland erst am Anfang stünden und verwies auf die Erfindung des Buchdrucks. 30 Jahre danach hätte man das neue Medium auch noch nicht vollständig beherrscht. So sei es heute auch beim Internet.

„Deutschland hat als große Industrienation und gestählte Demokratie für mich eine Vorreiterrolle auch in der Netzpolitik in der Welt. Wir müssen das Versprechen des Internets von Freiheit und Demokratie schützen. Zu starke Regulierung spielt eher autokratischen Machthabern in die Hände“, so ihr Plädoyer.

Beispiele aus Tunesien, Ägypten und Saudi-Arabien zeigten ihr, welch revolutionäres Potenzial von Social-Media-Kanälen (nicht nur im Arabischen Frühling) ausgehe. Das müsse erhalten werden.

Die MeToo-Debatte sei aus ihrer Sicht das aktuellste positive Beispiel, wo die anfängliche lokale Netz-Debatte international einen wichtigen, großen, gesellschaftlichen Dialog ausgelöst hätte.

Contra-Sprecher Alexander Sängerlaub, Leiter des Projekts „Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit“ bei der „Stiftung Neue Verantwortung“ und Mitbegründer des „Constructive Journalism“ in Deutschland, mahnte: „Social Media hat sich heute zu einem Katz- und Maus-Spiel-Center für Fake-News entwickelt. Und darüber zu einem massenhaften Manipulationsinstrument“. Das berge große Gefahren gerade für Länder ohne stark entwickelte Presse, die gegenhalten könne. Das „Neuland Internet“ stehe aus seiner Sicht in Flammen und offenbare jetzt seine vielen Schattenseiten. „Ein Tummelplatz von Verschwörungstheoretikern, die Social-Media-Kanäle zu ihrem ungefilterten Sprachrohr machen. Und die großen Plattformen verdienen damit Geld und verweigern sich ihrer Verantwortung“.

Jede Anzeige, die in TV, Rundfunk oder Zeitung geschaltet würde, unterliege inhaltlichen Richtlinien auch in Deutschland. Warum gelte dasselbe Prinzip nicht für Social-Media-Kanäle, fragte Alexander Sängerlaub.

Manipulative Social-Media-Anzeigen hätten im amerikanischen Präsidentenwahlkampf nachweislich eine gewichtige Rolle gespielt, Trump ins Amt zu hieven. Dieser Wahlkampf gelte als Mutter aller Fake-News. Aber nicht die Social-Media-Plattformen hätten das aufgedeckt, sondern das sei allein das Verdienst von investigativen Journalisten.

Deshalb sei das beste Mittel gegen die Wirkung von Fake-News überall auf der Welt ein funktionierender, unabhängiger Journalismus. Er müsse überall gestärkt werden.

„Folgt uns in Facebook und Twitter“, sei heute die Standardaufforderung aller Populisten dieser Welt. Allein deshalb, weil es für den Einzelnen dort schwerer ist, aus der klassischen Social-Media-Mischung aus Propaganda, Werbung und Katzenvideos, Wahrheit und Lüge herauszufiltern.

Diesen Ansatz unterstützte in der Diskussion auch der als „Entwicklungspolitischer Zwischenrufer“ geladene Dr. Dennis Reinneck von der Deutsche-Welle-Akademie, die in 50 Ländern aktiv ist und viele Projekte auch in Zusammenarbeit mit der Hausherrin von Digital Kontrovers!, der GIZ Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, durchführt.

Er berichtete von Projekten in Moldawien, Uganda, Kamerun und Ghana, mittels eines Social-Media-Monitorings einen Pool zur Identifizierung von „Hate-Speach“ zu etablieren und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Um die Medienkompetenz in Entwicklungsländern zu stärken, dienten Projekte wie das „Myth Detector Lab“ in Georgien, Fake-News russischen Ursprungs zu entlarven.

Junge Leute in Kambodscha lernten in Projekten den sicheren Umgang mit Facebook. In Serbien wurde ein Projekt zur Entwicklung von jugendgerechten Webformaten gestartet und in Uganda ein Netzwerk von 220 Bürger-Journalisten aufgebaut, die Radio-Sender regelmäßig mit lokalen Informationen beliefern.

 

Aus Erfahrung von Dr. Dennis Reinneck entwickle sich das mobile Internet in den Ländern des globalen Südens rasant. In nicht wenigen sei Facebook (via Free Basics-Angebot) das Synonym für das Internet, da die Plattform es kostenlos anbiete. Das verstärke aber das Problem der Manipulationsmöglichkeiten zusätzlich.

Um die Manipulation rankten sich auch viele „Slido“-Fragen des Publikums, das Social Media als eine öffentliche Infrastruktur betrachtete, die wie alle Infrastruktur auch staatlich kontrolliert werden sollte.

Was die Social-Media-Kanäle zu Freunden der Demokratie und Meinungsfreiheit in der Welt und auch in Entwicklungsländern machen kann, fasste Moderatorin Dr. Katrin Bornemann, BMZ Bonn, als Fazit der Diskussion dann am Schluss in vier klaren Hauptsätzen zusammen: Räume schaffen für den Diskurs. Eine verschlüsselte Kommunikation sichern. Dialog und Analog – beides möglich machen. Eine entsprechende Gesetzgebung gestalten.

Digital Kontrovers #5 Social Media – Freund oder Feind?

Hier das Video zu unserer spannenden Diskussionsrunde über das Thema Social Media - Feind oder Freund der Demokratie und Meinungsfreiheit?Viel Spaß beim Angucken!

Gepostet von Digital Kontrovers am Dienstag, 2. Oktober 2018

Fotos: Reinaldo Coddou H.