Digital Kontrovers! #7 vom 12. November 2018

Report: Gas geben und die ethischen Bedenken nicht außer Acht lassen

Das BMZ-Streitgespräch Digital Kontrovers! am 12. November 2018 zum Für und Wider von Künstlicher Intelligenz (KI) und ihrem Einsatz in der Entwicklungszusammenarbeit

„Gas geben und die ethischen Bedenken nicht außer Acht lassen“, so das Resümee vom Podium der 7. Auflage des BMZ-Streitgesprächs Digital Kontrovers!, das sich diesmal mit den Vor- und Nachteilen der Künstlichen Intelligenz-Technologie (KI) und ihrem Einsatz in der Entwicklungszusammenarbeit beschäftigte.

Klar wurde schnell in der Diskussion der Podiums-Experten, dass KI viele noch offene Fragen der Menschheit lösen helfen kann. KI eröffnet riesige neue Räume. Es unterstützt die Menschen nachweislich, bessere Entscheidungen zu treffen. Dass aber schon jetzt im Frühstadium ihrer Entwicklung auch negative Folgen wie Brain Drain, ethnische Diskriminierung, „Klick-Sklaverei“ und Vergrößerung der digitalen Kluft zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden sichtbar werden.

Die beiden zum Thema geladenen Podiums-Speaker trugen im Laufe der Veranstaltung viele Pro- und Contra-Positionen zum Thema zusammen und wechselten dabei auch ihre Rollen.

Matthias Spielkamp, Geschäftsführer der Plattform AlgorithmWatch und Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen sowie digitaler Bürgerrechtsaktivist, mahnte als Pro, dass wir uns in Deutschland beim Thema neue Technologie oft im Wege stünden was ethische Fragen und den Datenschutz betreffe. Doch besser sei es, anzupacken, sich für Normen und Regeln einzusetzen und zu gestalten sowie Bedingungen zu schaffen, dass KI zum Wohle aller eingesetzt wird und nicht gegen das Gemeinwohl.

Vor diesem Hintergrund hätte er auch die Plattform AlgorithmWatch geschaffen. „Ich bin aber gern auch hoffnungsloser Optimist“, so Matthias Spielkamp, „und glaube nicht daran, dass wir Menschen mal irgendwann unsere Verantwortung an Maschinen abgeben werden. Selbst wenn wir es könnten.“ Auch heute, beim verachtenswerten Einsatz von Drohnen in Kriegen, könne sich keiner in seiner Verantwortung hinter den „autonomen Waffen“ verstecken.

Dr. Christian Djeffal, PostDoc am Alexander-von-Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft Berlin und Forscher im Bereich KI und ihren Auswirkungen auf Gesellschaft und Staat, ermunterte in seinen Statements zum wirkungsvollen Einsatz der KI-Technologien in der Entwicklungszusammenarbeit. Als Pro seien für ihn einst zurückgebliebene Staaten wie China, Südkorea und weitere „Tigerstaaten“ gute Beispiele, wie man mit moderner Technologie aufholen kann und zum großen Player wird. Für ihn sei jedoch Regulierung und Transparenz die entscheidende Grundlage. Als Contra mahnte er: „Am besten ist es, die Technologie erstmal zu beforschen, um ihre Effekte festzustellen und ihren Social Impact“. KI sind Querschnittstechnologien, und es kommt immer auf den Zusammenhang an, ob sie positiv wirken oder negative Folgen hervorrufen.“

Amazon hätte zum Beispiel sein KI-unterstütztes Mitarbeiter-Rekrutierungssystem wieder abgeschafft, weil es diskriminierte. Auch ein KI-basiertes Prognosesystem in den USA, um über die vorzeitige Haftentlassung von Gefangenen zu entscheiden, sei gescheitert, weil es Weiße bevorzugte. Doch das sei nur die eine Seite.

„Experten sagen der Wirtschaft eine 40-prozentige Produktivitätssteigerung durch KI-Einsatz voraus. Ich sehe deshalb deren Anwendung in Deutschland als auch in den Ländern des globalen Südens als richtig und wichtig an, um technologisch mithalten zu können“, so Dr. Christian Djeffal.

Beide sahen als Kontra-Position natürlich die Realität, das KI-Anwendungen oft in sozial schwachen Ländern zum Beispiel Afrikas getestet würden, weil es hier wenig Regulierung gäbe. Das öffne Daten- und Machtmissbrauch, Ausbeutung sowie Plattformisierung Tür und Tor.

KI ist in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit schon lange kein Fremdwort mehr. Das bewies Linda Juliane Gabel, Junior Advisor bei der GIZ, in ihrem „Entwicklungspolitischen Zwischenruf“. In der GIZ-Projektunterstützung spielten nach ihren Worten die Verbesserung und Optimierung des Einsatzes der Technologie sowie die Untersuchung ihrer gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen gegenwärtig eine Hauptrolle.

So ginge es in Pilotprojekten mit innovativen Start-ups in Afrika zum Beispiel um „Maschine Learning“-Anwendungen.
Um dem Ärztemangel in Nigeria entgegenzuwirken, sei ein Telemedizin-Start-up-Projekt gestartet worden für bessere Ferndiagnosen und schnellere Hilfe. In einem anderen Projekt würden „Chatbots“ entwickelt, die multilingual wirkungsvollere Informationen über Krankheiten geben könnten.

Um die frühzeitige Erkennung von Pflanzenkrankheiten und die Sicherung von Ernten ginge es in einer Kooperation von GIZ und Plantec zum Beispiel in Tunesien.

Weitere Projekte beinhalteten den KI-Einsatz bei der Satellitenüberwachung zum Schutz der Regenwälder oder der Entwicklung von Sensoren für die Früherkennung von Erdbeben.

In Bezug auf die Gestaltung der Rahmenbedingungen für den KI-Einsatz in der Entwicklungszusammenarbeit, nannte Linda Juliane Gabel u. a. die Kooperation der GIZ mit UN-Organisationen zur Entwicklung von Guidelines für KI-Anwendungen.

Die via „Sli.do“ eingespielten Publikumsfragen in der von Dr. Katrin Bornemann (BMZ) wieder temperamentvoll moderierten Veranstaltung, richteten sich auf die eventuelle „Übermacht“ der KI und deren Regulierungsmöglichkeit.

„Chinesische Firmen haben längst die Lösung für die Telemedizin, während wir Deutschen noch ethische Fragen diskutieren.“ Diesem Publikums-Statement entgegnete Matthias Spielkamp als Pro: „Ja, wir Deutschen dürfen den Anschluss nicht verpassen.“ Aber es sei zum Glück bisher nicht erwiesen, dass KI-Systeme unter hohen Datenschutzrichtlinien schlechter seien als andere, beruhigte er das Publikum.

Digital Kontrovers #7 Künstliche Intelligenz

Das war Digital Kontrovers #7 Künstliche Intelligenz Viel Spaß mit unserem Video der Diskussion zum Thema "Künstliche Intelligenz: Kick-Start in eine bessere Zukunft oder Diskriminierung durch Algorithmen?"Hat euch der Abend gefallen? Schreibt uns gerne einen Kommentar oder eine Nachricht!

Gepostet von Digital Kontrovers am Freitag, 16. November 2018

Fotos: Reinaldo Coddou H.