Digital Kontrovers! #3 vom 21. Juni 2018

Roboter werden künftig in Entwicklungsländern ganze Industriesektoren wegbrechen lassen

 

Ist die Digitalisierung der Arbeit, die wir gegenwärtig massig erleben, mehr Fluch oder Segen für die dritte Welt? Diese zentrale Frage beherrschte die 3. Auflage des monatlichen Streitgesprächs Digital Kontrovers! des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) am 21. Juni 2018 vor einem über „Slido-Fragen“ rege und interessiert mitwirkendem Publikum.

Die beiden geladenen Experten zum Thema fanden dazu auf dem Podium keine gemeinsame Antwort.

Pro-Redner M. Eng. Christian Fotso, Stellvertretender Vorsitzender des Vereins Brücke e. V., Berlin, der afrikanischen Studierenden den Zugang zu innovativem und technischem Wissen ermöglichen will, sprach vom Segen z. B. der Start-up-Szene, wo die Idee von drei Ingenieuren bis zu 50 und 100 Arbeitsplätze in Kamerun schaffen könne. Zudem erlaube die Digitalisierung Crowd-Working von jedem Platz dieser Welt aus und böte damit auch mehr Arbeit für junge Menschen in Afrika. Das Outsourcing sei deshalb eine große Chance für den Kontinent. Die Situation in Afrika geböte, dass jeder einzelne neue Arbeitsplatz ein Gewinn sei.

Sein Gegenpart Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani vom Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft Berlin, den das Thema Robotertechnik und Gesellschaft in seiner Forschung sehr stark beschäftigt, erklärte u. a., dass schon in 3 bis 5 Jahren z. B. Näh-Roboter in der Lage wären, ganze Näh-Kompanien in Bangladesch und auf den Philippinen abzulösen und arbeitslos zu machen. „Roboter sind zukünftig fähig in Teams zu arbeiten und alles besser und effizienter als Menschen produzieren zu können zu einem Drittel der Kosten von chinesischen Wanderarbeitern“. Damit würden Entwicklungsländern ganze notwendige Industriesektoren wegbrechen. Zudem gäbe es bei der Digitalisierung genauso wenig Verteilungsgerechtigkeit in der Welt wie schon heute. USA und China hätten die Monopole in Technik und Knowhow und würden die Märkte beherrschen.

Fotso nannte dagegen Indien als bestes Beispiel, wie IT zum Aufschwung einer ganzen Nation beitragen könne. Digitalisierung der Arbeit verhindere auch Migration, weil sie Wohlstand und Arbeitsplätze vor Ort schaffen könne und Chancen für neue Produktionsfelder in Entwicklungsländern.

Auf Slido-Fragen des Publikums, nach Beispielen, wie die Digitalisierung der Arbeit auf und in Entwicklungsländern wirke, nannte die Moderatorin u. a. das Beispiel der deutschen Initiative „Make IT“ in Kenia und Nigeria von 2017. Durch die Förderung von 110 Digital-Unternehmern seien 1785 sichere Arbeitsplätze entstanden, von denen mittelbar über 1 Million Menschen profitierten. Und diese Beispiele könne man fortsetzen.

Prof. Al-Ani konterte seinerseits, dass die Start-up-Förderung wichtig sei, sie würde aber das grundsätzliche Problem nicht lösen können, dass heute für echte digitale Wertschöpfung der Besitz von gewaltigen globalen Datenmengen die Voraussetzung sei. Zudem bekäftigte er Zuschauerfragen, dass die staatliche Unterstützung und Planung der Digitalisierungsprozesse große Bedeutung habe. China habe sich z. B. das Planziel gesetzt, in 10 Jahren die Nummer 1 im Bereich künstlicher Intelligenz in der Welt zu sein. Fotso bedauerte, dass digitale Planziele in vielen Entwicklungsländern nicht auf der Tagesordnung stünden.

Weiter ging es auch auf Basis von Publikumsfragen um die politischen Auswirkungen der Digitalisierung und das Thema Ausbeutung. Klar wurde, das gerade Entwicklungsländern soziale Sicherungssysteme fehlten, um auf negative Arbeitsmarktfolgen der Digitalisierung reagieren zu können. Prof. Al-Ani sieht seinerseits sogar starke Unruhen in den Gesellschaften kommen, wenn die Robotertechnik massenhaft Arbeitsplätze vernichte. Auch das Nationalstaat-Prinzip versage dabei aus seiner Sicht zukünftig.

Fotso faßte das Thema Ausbeutung wie folgt zusammen: Die Diskussion über gute oder schlechte Qualität der neuen digitalisierten Arbeit als auch über ausbeuterische Bedingungen sei aus afrikanischer Sicht ein Luxus, den sich nur Industrienationen leisten könnten. In Afrika ginge es Tag für Tag ums Überleben.

Zitate

M. Eng. Christian Fotso, Stellvertretender Vorsitzender des Vereins Brücke e. V., Berlin

„Die neue Start-up-Szene, wo die Idee von drei Ingenieuren bis zu 50 und 100 Arbeitsplätze in Kamerun schaffen kann, ist ein Segen. Das brauchen wir überall in Afrika.“

Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani vom Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft Berlin

„In 3 bis 5 Jahren schon sind Näh-Roboter in der Lage, ganze Näh-Kompanien in Bangladesch und auf den Philippinen abzulösen und arbeitslos zu machen. Roboter sind zukünftig fähig in Teams zu arbeiten und alles besser und effizienter als Menschen produzieren zu können zu einem Drittel der Kosten von chinesischen Wanderarbeitern“

Digitalisierung und Arbeit

Mehr Jobs und neue Wertschopfung vs. Ausbeutung und Jobverlust

Slået op af Digital Kontrovers i Torsdag den 21. juni 2018