Digital Kontrovers! #6 vom 25. Oktober 2018

Report: Afrika ist zum Ort geworden, um Drohnen als „gute“ Technologie zu legitimieren

Drohnen-Technologie und Entwicklungsländer: Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, den übermannen im Internet rührende Bilder und Geschichten aus Afrika, wie Drohnen Medikamente, Blut und Hilfsgüter in letzter Minute liefern und damit Menschenleben retten. Drohnen werden zu neuen Heilsbringern in einer Welt von Armut, schlechter Infrastruktur und ländlich geprägtem kargen Leben stilisiert. Sie retten Babys. Sie retten Mütter. Sie retten Tiere vor dem Sterben. Sie sind die Lösung.

Es brauchte nur wenige Minuten an diesem Abend bei „Digital Kontrovers“, das sich in der 6. Auflage ganz dem Thema Drohnen-Technologie verschrieben hatte, bis die Friedensforscherin und Rechts-Professorin von der Universität Oslo, Kristin Sandvik, dieses Bild mit ihren entschiedenen und temperamentvollen Statements vor aller Augen zerstörte.

Sie wandte sich massiv gegen die Art und Weise, wie die Drohnenindustrie ein Bild von Afrika als geeignetem Testgrund für die Entwicklung „guter Drohnen“ zur Lösung der Probleme des Kontinents konstruiere und die Drohnen damit salonfähig auch in anderen Teilen der Erde machen wolle.

„Weltweit haben Drohnen einen schlechten Ruf“, argumentierte sie.  „Neben den Kontroversen um die Drohnenkriege werden Drohnen in der Regel als Technologien wahrgenommen, die einer Reihe von Risiken unterliegen – von Pilotenfehlern bis hin zu mechanischem Versagen, Cyberangriffen und schlechtem Wetter.

Das Ergebnis ist ein sehr eingeschränkter Zugang zum zivilen Luftraum. Daher besteht für die Drohnenindustrie ein erheblicher ungedeckter Bedarf, die Technologie zu testen und zu verbessern. Die mangelnde Infrastruktur des afrikanischen Kontinents ­– einschließlich Stromleitungen, Luftraumkontrolle und kommerzielle Flüge – ist für die Drohnenindustrie attraktiv. Der Luftraum ist weniger überfüllt, was die Einführung kommerzieller Drohnen in Nordamerika und Europa gebremst hat. “ erläuterte sie weiter.

Afrika sei zum Ort geworden, an dem Drohnen als „gute“ Technologie legitimiert werden sollen. Damit hätte sie große Probleme, u. a. weil die Drohnen-Technologie auch eine „kriegerische“ Seite habe.

Die Unternehmensberaterin Tendai Pasipanodya, Direktorin bei Endeva, Independent Research and Consulting Institute, Berlin wollte sich dieser Argumentation nicht anschließen. Sie sprach im Laufe der Diskussion vor allem immer wieder von den Vorteilen, die die Drohnen-Technologie für Afrika böte. Tendai Pasipanodya ist überzeugt, dass Drohnen heute für Afrika die gleiche Chance bieten, wie die Mobilfunktechnologie dem Kontinent vor 15 Jahren bot. Aber momentan müsse noch jeder Unternehmer, der Drohnen einsetzen wolle, über das Fachwissen und die finanziellen Mittel verfügen, die für die Entwicklung, Wartung und den Betrieb eines kompletten Drohnensystems erforderlich seien. Tendai plädiert deshalb für den Aufbau eines Drohnen-Netzwerks, das es lokalen Unternehmern ermöglicht, Waren und Dienstleistungen per Mausklick oder SMS in entlegenste Gebiete zu liefern und dabei auch wichtige soziale Wirkungen zu erzielen.

Sie sehe in der Anwendung der Drohnen-Technologie keine größeren Probleme, vor allem, wenn sie in lokalen Händen bliebe.

Die Drohnen werden vieles verändern, auch den Einsatz von Gewalt auf dem afrikanischen Kontinent, prognostizierte dagegen Kristin Sandvik. Ein zentrales Anliegen in der globalen Debatte über Drohnen ist, dass sie militärische Aktionen vorantreiben und die Schwelle für den Einsatz tödlicher Gewalt senken können. Selbst beim Überwachungseinsatz im Tierschutz in Afrika hätten sie letztlich schon zu Gewalt geführt. Kristin Sandvik plädierte deshalb dafür, die Entwicklungen in Afrika genau zu verfolgen und auch wissenschaftlich zu begleiten, sowohl im lokalen Kontext als auch in einer breiteren panafrikanischen Perspektive.

Der entwicklungspolitische Zwischenruf zum Thema Drohnen kam dann von Manuel Marx von der GIZ. Er erläuterte, dass sich von den 380 Digital-Projekten des BMZ 16 mit dem Thema Drohnen beschäftigten. Als „Flying-Tools“ untersuche man dabei zuallererst ihre Möglichkeiten bei der Kartierung, Beobachtung und Überwachung. So laufe ein interessantes Projekt in Vietnam zur digitalen Küstenbeobachtung zum Schutz vor Fluten und Stürmen. In Tansania teste die GIZ u. a. eine Transportdrohne für schnelle medizinische Hilfslieferungen.

Die via Slido eingespielten Publikumsfragen, der von Moritz Hunger (GIZ) kundig moderierten temperamentvollen Veranstaltung, richteten sich am Schluss vor allem auf das Gegenüber von Drohnen und Arbeitsplatzschaffung bzw -vernichtung in Afrika oder wie man lokale Interessen gegen den Einfluss der Monopol-Player aus Silicon Valley sichern könne.

Einig war sich das Publikum am Schluss auch, dass Drohen nützliche Helfer bei mangelnder Infrastruktur in den afrikanischen Weiten sind, dass sie aber die notwendige Schaffung von Infrastruktur nicht ersetzen könnten und vor allem sollten.

Digital Kontrovers # 6 Drones - Helpers or Spies?

Das war Digital Kontrovers #6 Drohnen – Helfer oder Spione?//English below//"Afrika ist zum Ort geworden, um Drohnen als „gute“ Technologie zu legitimieren", so Contra-Sprecherin Kristin Bergtora Sandvik. Tendai Pasipanodya hingegen glaubt an das Gute der Drohnen-Technologie und erzählt, dass Drohnen Medikamente, Blut und Hilfsgüter in letzter Minute liefern und damit Menschenleben retten.Den gesamten Bericht zur Veranstaltung sowie Fotos findet ihr unter: http://www.digital-kontrovers.de/digital-kontrovers-vom-25-oktober-2018/----------This was Digital Kontrovers! #6 Drones – reaching the remote or surveilling the suppressed?"Africa has become the place to legitimize drones as "good" technology", says contra speaker Kristin Bergtora Sandvik. Tendai Pasipanodya, on the other hand, believes in the good of drone technology and tells us that drones deliver medicines, blood and relief supplies at the last minute and thus save human lives.The full report and photos of the event can be found at: http://www.digital-kontrovers.de/digital-kontrovers-vom-25-oktober-2018/

Gepostet von Digital Kontrovers am Montag, 29. Oktober 2018

Fotos: Reinaldo Coddou H.