Digital Kontrovers! #8 vom 10. Januar 2019

Report: „Der Mensch geht nach Convenience.“

Die BMZ-Veranstaltungsreihe Digital Kontrovers! am 10. Januar 2019 fragte in ihrer 8. Auflage nach dem Für und Wider von Digitalisierung im Flüchtlingskontext

Im Ergebnis der lebhaften Diskussion der 8. Auflage des Streitgesprächs Digital Kontrovers! – diesmal zum Thema Digitalisierung und Flüchtlinge – standen sich zwei Szenarien gegenüber: Die Orwellsche aus „1984“ und die Huxleysche aus der „Schönen neuen Welt“, wie sie Moderatorin Dr. Katrin Bornemann benannte.

Die Orwellsche beschreibt eine zukünftige Flüchtlings-Technologie-Industrie, die unter missbräuchlicher Verwendung von persönlichen Daten und Daten-Scanning, Flüchtlinge bereits früh ohne ihr Wissen selektieren und in ihren Fluchtwegen und -zielen manipulieren und über „flüchtlingsgerechte“ Angebote zugleich auch noch ausbeuten.

Die optimistischere Variante beschreibt dagegen technische Entwicklungen und Anwendungen, die die Effizienz der Entwicklungszusammenarbeit und die Treffsicherheit der direkten Hilfe wesentlich steigern helfen und so zugleich Fluchtursachen vorbeugen. Oder aber in den Ankunftsländern passgenaue Hilfestellungen geben. Es ist belegt, dass für Flüchtlinge, die sich in einem neuen Land niederlassen, der Zugang zu Computern und dem Internet eine Schlüsselrolle bei der Eingewöhnung in die neue Umgebung spielen. Das Internet wird genutzt für Übersetzungen, zur Suche nach sozialen Dienstleistungen sowie zur Aufrechterhaltung des Kontaktes mit Verwandten. Neue Apps unterstützen sie dabei.

Ein aktuelles Stichwort ist dabei auch das E-Learning, das die Chancen der Integration von Flüchtlingen in die Gesellschaft als auch Arbeitswelt erhöhen hilft.

Auf dem Podium dazu E-Learning-Aktivist und Pro-Sprecher Markus Kreßler, Gründer & Leiter Corporate Relations, der Bildungsplattform für Flüchtlinge, Kiron Open Higher Education. Er stellte sich früh die Frage, wie man Geflüchtete nachhaltig und sozialunternehmerisch in die Gesellschaft integrieren kann und hat mit der Gründung einer Online-Hochschule digitale Hilfe geschaffen. Zuvor baute Kreßler eine der ersten digitalen Ehrenamtsplattformen (Alltagsheld.org) in Deutschland auf.

Kreßler plädierte in seiner Rolle als Pro-Sprecher der Veranstaltung sehr stark und optimistisch für die Entwicklung neuer Technologien und Apps, die auf Basis von Daten der Geflüchteten entstehen und damit auch zielgenau die Bedürfnisse dieser Menschen träfen. Missbrauch könne man nie ausschließen. Aber er sehe in der Nutzung der Daten auch von Flüchtlingen mehr Hilfschancen für sie als Nachteile. Er erinnerte daran, dass das Sammeln von Daten über die Nutzung von Apps heute an der Tagesordnung sei. „Jedes Handy hier im Saal“, unterstrich er, „hat heute den ganzen Tag über Infos an die App-Betreiber über die Aufenthaltsorte ihre Besitzer weitergegeben. Das ist die Realität, in der wir leben.“ Digitalisierung im Fluchtkontext könne aus seiner Sicht Mehrwerte für alle Seiten bringen. Das gehe bis zu Online-Tools gegen posttraumatische Belastungsstörungen, die häufig aufträten.

Valerie Khan, Fachberaterin zum Thema digitale Identität, Datenschutz und Cybersecurity sah in ihrer Rolle als Kontra-Sprecherin die Welt der neuen Technologien und Apps für Flüchtlinge nicht so rosig und erinnerte daran, dass gerade der Missbrauch persönlicher Daten heute in der Welt auch häufig ein Fluchtgrund sei.

Sie brachte das Beispiel u. a. von Myanmar. „Hier ist Facebook der wichtigste Internetdienst, und er ist voll von Aufrufen zu Gewalt gegen muslimische Minderheiten.“ Die Inhalte spiegeln die Stimmung im Land wider, in dem es nach Einschätzung der Uno „ethnische Säuberungen“ gibt und aus dem deshalb 700.000 Muslime nach Bangladesch geflohen sind. „Wenn der digitalisierte Mensch zum Tyrann wird, zerstört er seine eigene Freiheit“, so Valerie Khan. Sie erläuterte zudem am Beispiel von Cambridge Analytica, dem Datenanalyse-Unternehmen, das u. a. den US-Wahlkampf manipulieren half, welche Gefahren von Datenmissbrauch für die Demokratie ausgehen können.

Anhand von 22 Clicks könne man heute analysieren, welche Hautfarbe ein User habe und mit ein paar mehr, ob die Eltern sich in seiner Jugend getrennt hätten. „Privacy“ und „Security“ sei deshalb für sie heute eine der Hauptfragen der Digitalisierung. Europa gehe dabei mit seiner Datenschutz-Grundverordnung, DSGVO, voran. Auch wenn sie noch neu sei und nicht so erprobt. Europa sei ja ohnehin auch bei der Verwendung von biometrischen Daten zurückhaltend. Sogenannte Iris-Scans erwiesen sich zur Identifikation und Bezahlung in Flüchtlingslagern als hilfreich. Aus Datenschützer-Sicht, so Valerie Khan, müsse aber jeder auch die Möglichkeit erhalten, seine Daten-Identität im Laufe seines Lebens zu ändern. Gerade auch im Fluchtzusammenhang solle das möglich sein. Iris-Scans und Fingerabdrücke würden diese Möglichkeit aber erschweren.

Über 100 Projekte vor allem in den Herkunftsländern initiierte das BMZ zusammen mit Partnern, um neue Digitalisierungstrends und Entwicklungszusammenarbeit zusammenzubringen. Darüber sprach die „Entwicklungspolitische Zwischenruferin“ in der Diskussion, Salomé Eggler, Blockchain Governance Expertin im GIZ Blockchain Lab.

Im Fluchtkontext gehe es in den Projekten vor allem um vier Bereiche. Das seien Kommunikation, Hilfeleistungen, Spracherwerb und Beschäftigungsprogramme. Im Bereich Kommunikation gäbe es zum Beispiel eine Anwendung, um Familienangehörige wiederzufinden. Im Bereich Hilfeleistungen sorge zum Beispiel eine neue App für syrische Flüchtlinge im Libanon für Antworten auf die Frage, wie und wo sie ihre Ernährungsgutscheine am effektivsten einsetzen könnten. Beim Spracherwerb würden E-Learning-Programme gefördert, und im Bereich Beschäftigung fördere das BMZ zum Beispiel gegenwärtig die Entwicklung von „Digitalen Werkstätten“ für die Eingliederungsvorbereitung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt.

Am Ende der streitbaren Diskussion mit vielem Für und Wider gerade beim Thema Datenschutz, dann die Frage nach der digitalen Zukunftsvision oder -anwendung für die Flüchtlingshilfe. Podiumsexperten und Fachleute im Publikum sahen die Entwicklung großer Flüchtlingsplattformen im Kommen, die alle Unterstützungsangebote und -leistungen für Flüchtende kombinieren und effektiver machen. So ließe sich auch deren Versorgung zum Beispiel mit Lebensmitteln individueller und bedarfsgerechter gestalten. Erste gute Beispiele gäbe es dafür schon.

„Der Mensch geht nach Convenience. So wird es bleiben“, brachte Pro-Sprecher Markus Kreßler seine eigene digitale Zukunftsvision zum Ausdruck. Er erinnerte damit daran, dass auch im digitalen Zeitalter Praktikabilität siegt und dass große Plattformen wie Facebook und Co. trotz Datenschutzmängeln deshalb so einen Siegeszug in der Gesellschaft antreten konnten und können.

Digital Kontrovers #8 ICT for Refugees

Das war Digital Kontrovers #8 zum Thema ICT for Refugees – Schafft Digitalisierung Chancen für Geflüchtete oder bedroht Digitalisierung Datenschutz und Menschenrechte in fragilen Staaten?Geflüchtete nutzen eLearning, um sich weiterzubilden und einen Studienabschluss zu erlangen. Coding Schools bringen Jugendlichen im Irak Programmiersprachen bei und machen sie fit für den Arbeitsmarkt von morgen. Durch Iris Scans können sich Geflüchtete auch ohne Papiere oder Dokumente identifizieren - und sogar bezahlen.Gleichzeitig werden die Daten von Geflüchteten oft zu wenig oder gar nicht geschützt. In den falschen Händen kann dies ein Todesurteil bedeuten. Wo also fängt Kontrolle an und hört Unterstützung auf? Wie kann Entwicklungshilfe effizienter und gleichzeitig noch sicherer werden?

Gepostet von Digital Kontrovers am Samstag, 12. Januar 2019

Fotos: Reinaldo Coddou H.