Digital Kontrovers! #9 vom 11. Februar 2019

Report: „Was Frauen hilft, hilft auch immer Kindern und Familien.“

Die BMZ-Veranstaltungsreihe Digital Kontrovers! am 11. Februar 2019 zu „Women in Tech“

Die Zukunft der Digitalisierung ist weiblich. Auf diesen mutigen entschlossenen Satz brachte es Karin Kortmann, Leiterin der Berliner Repräsentanz der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung (GIZ), Hausherrin der Veranstaltungsreihe Digital Kontrovers!, gleich zu Beginn der Veranstaltung.

Sie stellte dabei das neue Buch „Women in Tech“ vor (Herausgeber BMZ). Es hätte nicht passender erscheinen können. Denn die neunte Auflage des Streitgesprächs Digital Kontrovers! widmete sich dem Verhältnis von IT und dem weiblichen Geschlecht. Während das Buch eine Vielzahl von interessanten Frauen präsentiert, die vor allem in Ländern des globalen Südens ihr Leben erfolgreich der IT verschrieben haben, weist es im Untertitel auch zugleich auf die Fragilität der Situation hin „Inspiration. No Fairytales“.

Märchenhafte Frauengeschichten gab es dann an diesem Abend auch weniger zu erzählen. Aber viele ermutigende. Einig wurden sich Podium und Publikum schnell, dass die Digitalisierung es Frauen besser ermöglicht, sich zu bilden, flexibler zu arbeiten und ihre Fähigkeiten wie soziale und kommunikative Kompetenzen erfolgreicher einsetzen zu können.

Podiums-Sprecherin Anke Domscheit-Berg, Digital-Aktivistin und MdB Fraktion DIE LINKE, Obfrau im Ausschuss Digitale Agenda mit großem Erfahrungshintergrund als IT-Projektleiterin, erzählte dazu Ermutigendes von ihrer jüngsten Reise nach Oman und Saudi-Arabien.

„80 Prozent der Naturwissenschaftsstudenten sind dort weiblich. Man sucht dringend nach männlichen Bewerbern.“

Zudem habe sie in Südostasien die Erfahrung gemacht, dass ein Großteil der Frauen in der IT einen interessanten Berufszweig sähen und zugreifen würden. Dort seien gerade durch das Outsourcing eine Menge IT-Arbeitsplätze für sie entstanden.

Sie sprach begeistert von sogenannten Maker-Spaces, Offene Werkstätten, die Wissenstransfer und Produktionsmittel anböten und damit auch viele Mädchen für Technik gewinnen könnten. Die weibliche Technik-Begeisterung zu entwickeln, müsse ihrer Erfahrung nach schon viel früher ab der ersten Klasse beginnen. Diese Tatsache bestätigten auch ihre Erfahrungen aus der ehemaligen DDR, in der Frauen bis zur Wende viel stärker in Technikberufen zu finden waren als danach.

Der zweite Podiums-Sprecher Dr. Thomas Sattelberger, Ex-Telekom-Vorstand, „Erfinder“ der Telekom-Frauenquote, MdB und seit Anfang 2018 Sprecher der FDP-Fraktion für Bildung, Forschung und Innovation, unterstrich in seinem Statement, dass heute Diversität eindeutig eine Erfolgsformel in Wirtschaft und Gesellschaft sei. „Vielfalt ist die Basis für Innovation und Entwicklung. Wer das nicht anerkennt und beachtet, muss abtreten“, so Sattelberger. Aus seiner Sicht seien deshalb Frauenrechte nicht gesondert zu betrachten, sondern im Zusammenhang mit allen Minderheiten- und Freiheitsrechten. Diese Betrachtung mache ihm die hohen Frauenquoten in afrikanischen Parlamenten wie Ruanda oder an arabischen Universitäten auch etwas suspekt, da hier nicht die Demokratie die Basis für Frauenrechte sei.

Studien ergäben zudem eine klare Abhängigkeit des Bruttosozialprodukts zur Beschäftigungsrate von Frauen in Technikberufen. Je höher das BSP, umso geringer die Frauenquote und umgekehrt.

Zugleich unterstrich er, dass man weiter verstärkt gegen Rollenklischees vorgehen müsse, die in Deutschland zum Teil noch aus der Nazizeit stammten.

Beide Sprecher wandten sich so gegen Frauenbilder, à la „Bibis Beauty Palace“, die heute durch das Internet und auf YouTube von Frauen selbst geprägt würden.

Beide waren sich zudem einig, dass sich die Arbeitskultur ändern müsse, um mehr Frauen für die IT-Branche zu gewinnen. Home-Office sei dabei das Schlüsselthema. Machokultur und lange Arbeitszeiten ein Auslaufmodell.

Bei „Entwicklungspolitischen Zwischenruf“ erinnerte Viktor Peter von der GIZ daran, dass 50 Prozent der Weltbevölkerung noch nicht online seien. 250 Millionen, davon mehr Frauen als Männer, hätten keinen Zugang zum Internet. Wenn weltweit im IT-Bereich über 140 Millionen Arbeitsplätze neu entstünden, seien viele Frauen somit erneut benachteiligt. Ihr Anteil in diesem Berufszweig betrage bis jetzt nur 24 Prozent.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (EZ) tue deshalb auch viel, um Frauen mit IT besser zu verbinden. Dazu gehöre u. a. das BMZ-Projekt „Digitales Afrika“, das Frauen Weiterbildung im IT-Bereich ermögliche oder das Programm „eSkills4girls“. Während der „Africa Code Week“ würden so zum Beispiel 8.000 Mädchen in Afrika Programmieren lernen. Es gäbe auch zahlreiche Trainingsprogramme, so z. B. für Journalistinnen, um besser gegen Hate-Speach vorgehen zu können oder für den besseren Umgang mit sozialen Medien.

Anke Domscheit-Berg sprach sich dafür aus, dass Frauen in der EZ nicht bevorzugt werden sollten, aber immer bedacht. „Denn was Frauen hilft, hilft auch immer Kindern und Familien. Wenn die EZ bei Frauen ankommt, multipliziert sie sich.“

Dr. Thomas Sattelberger empfahl seinerseits in der EZ die Kombi von digitaler Kompetenz-Schaffung und der gleichzeitigen Entwicklung von Geschäftsmodellen. Also Theorie und Praxis zu verbinden. Das könne auch Frauen am stärksten unterstützen.

Zum Thema Frauenquoten in der IT äußerten sich beide Redner positiv. Quoten könnten helfen, so lange wir keine faire Repräsentation der Geschlechter in den Vorstandsetagen hätten.

Digital Kontrovers! #9 Women in Tech

Die Digitalisierung kommt ohne klassische Rollenbilder aus. Einer Software ist es egal, ob sie von einem Mann oder einer Frau entwickelt wird. Trotzdem sind weltweit immer noch zu wenige Frauen Teil der digitalen Entwicklung. Aber manche Länder machen es besser als andere und sind bereits viel weiter, was die Förderung von Frauen angeht. So ist Ruanda bereits viel besser aufgestellt, was die Gleichstellung der Geschlechter angeht als Deutschland. Warum tun wir uns – 2019 – nach wie vor so schwer damit vor allem im Digitalbereich die Gleichstellung zu erreichen? Wie können festgeschriebene Rollenbilder ersetzt werden? Welcher Weg ist der richtige und wie sieht gelungene Frauenförderung aus? Was können Norden und Süden voneinander lernen?

Gepostet von Digital Kontrovers am Montag, 11. Februar 2019

Fotos: Reinaldo Coddou H.