Digital Kontrovers! #14 vom 26. Mai 2020

Report: Klima und Digitalisierung: „Wir brauchen ökonomische Instrumente zur Steuerung der Digitalisierung“

Die 14. Ausgabe des BMZ-Streitgespräches Digital Kontrovers! fand diesmal nicht, wie Moderatorin Julia Wadhawan gleich zu Beginn hervorhob „analog und vor Ort“, sondern „digital und dezentral“ als Podcast statt. Die Gesprächspartner saßen dabei in Hamburg, Potsdam und Köln sowie im indischen Mumbai. Notwendig geworden war das durch die Corona-Krise. Möglich durch die Digitalisierung. Ein weiteres Beispiel, das zeigt: Der digitale Wandel führt weltweit zu großen Fortschritten. Doch wie steht es um seinen Klima-Fußabdruck, um Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz? Davon handelt die 45-minütige Diskussion, die von Ingrid-Gabriela Hoven, Leiterin der Abteilung 4 „Globale Zukunftsaufgaben“ am BMZ eingeleitet wurde.

„Digitale Transformation und Klimawandel müssen zukünftig gemeinsam bearbeitet werden“, so Hoven. Künstliche Intelligenz könne z. B. wirksam gegen die Abholzung des Regenwaldes eingesetzt werden. Aber IT-Lösungen haben eben auch viele negative Effektive. Rohstoffe würden unter menschenunwürdigen Verhältnissen abgebaut. Das globale Datenvolumen könnte 2030 bereits 30 Prozent des globalen Stroms verbrauchen. Der Globale Norden betreibt hierbei digitalen Überkonsum, Entwicklungsländer drohen abgehängt zu werden. All das birgt das Risiko, dass sich Gesellschaften noch stärker spalten. Sie zitierte abschließend das letztjährliche Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderung, in dem es heißt: „Nur durch Verzahnung von digitalem Wandel und Nachhaltigkeit kann es gelingen, Klima, Erdsystemschutz und soziale Fortschritte für die Menschen voranzubringen.“

Kontra-Rednerin Dr. Kora Kristof, Leiterin der Abteilung Nachhaltigkeitsstrategien, Ressourcenschonung und Instrumente beim Umweltbundesamt, brachte es ihrerseits auf den Punkt: „Digitalisierung wird Probleme bekommen, wenn sie Nachhaltigkeit und Klimaschutz vernachlässigt oder über soziale Spaltung gesellschaftliche Akzeptanz verliert. Es geht heute darum, Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammenzubringen. Die Ziele des anderen müssen mitgedacht werden.“

„Digitalisierung kommt dem Klimaschutz langfristig zugute“, betonte Dr.-Ing. Stephan Ramesohl, Co-Leiter des Forschungsbereichs Digitale Transformation in der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH. Als Pro-Redner stellte er den Nutzen von Digitalisierung für das Klima dar.

Viele Technologien seien noch nicht bekannt, bergen aber eine enorme Entwicklungsdynamik, so Ramesohl. Dabei seien sie gesellschaftlich derart disruptiv, dass digitale Lösungen als soziotechnische Innovationen verstanden werden müssen: „Digitalisierung ist eine Effizienzrevolution. Dinge geschehen besser, schneller und weiter. Gleichzeitig haben wir aber die Chance, Wirtschaft und Gesellschaft neu zu organisieren. Der Digitalisierung kann und muss eine Richtung gegeben werden.“ Mehr noch, in Bereichen wie Energie- oder der Verkehrswende sei Digitalisierung sogar Voraussetzung für besseren Klimaschutz.

Dennoch: Da, wo sie negativ über erhöhten unnützen Stromverbrauch wirke, müsse reguliert werden. „Man kann Streaming bedarfsgerecht anpassen. Ich muss nicht jedes Video in höchster Qualität per Handy sehen können“, so Ramesohl. Doch Digitalisierung kann unsere Konsummuster natürlich nicht ändern. Hier müsse die Politik eingreifen, hob der Pro-Redner weiter hervor.

Dr. Kora Kristof verwies auf die Zukunft: „Wir müssen schauen, was an IT kommt und wie die Auswirkungen auf die globale Welt sind. Das heißt, in der Umweltpolitik Digitalisierung konsequent mitzudenken. Und welche politischen Instrumente wir dazu brauchen.“

„Beispiel Preise: Wenn sie nicht die ökologische Wahrheit sagen, wird falsch optimiert. Es muss stärker gelten: Belastung von klimaschädlichen und Entlastung von klimafreundlichen Produkten“, forderte Dr. Kora Kristof. Das hieße vor allem, dass öffentliche Mittel primär für nachhaltige und sozialverträgliche Produkte zur Verfügung stehen sollen.

Einig waren sich Pro und Kontra, dass Digitalisierung lange Zeit „Welpenschutz“ genossen habe. Damit müsse jetzt Schluss sein. Von Besteuerung bis Produktionsstätten – man brauche eine offene Diskussion, um die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Man müsse sich massiv Gedanken machen, wie die Lebensstile der Zukunft aussähen, auch unter dem Stichwort Suffizienz durch Digitalisierung – also der Frage nach dem rechten Maß. Wir bräuchten ökonomische Instrumente zur Steuerung auch der Digitalisierung, so die Rednerin und der Redner. Daten zu besteuern, hielten dagegen beide für falsch. Explizit wies Ramesohl auf Modelle wie Kreislaufwirtschaft in regionalen Strukturen, oder re-manufacturing hin, Systeme, in denen Wertstoffe länger und effizienter genutzt werden.

Als „entwicklungspolitischer Zwischenruf“ und reality check meldete sich zum Schluss aus Mumbai Dr. Deepali Sinha Khetriwal. Die Geschäftsführerin von Sofies India, einer Consultingfirma im Bereich Nachhaltigkeit, sprach von großen Belastungen, die Elektroschrott für Länder Afrikas und Asiens bedeute. Aber sie sprach auch ermutigend von Nachhaltigkeitsinitiativen in Indien und griff das Beispiel Kreislaufwirtschaft auf. Sie unterstrich zudem, dass die Probleme auch große Chancen für den Globalen Süden böten, aus der Situation Geschäftsmodelle und Arbeit zu generieren. Das müsse die Zukunft sein.

Die vierzehnte Ausgabe der Digital Kontrovers! ging mit vielen Gedankenanstößen zu Ende. Klar ist, dass die meisten Technologien noch nicht in den Köpfen der Menschen angekommen sind. Umso mehr braucht es jetzt eine starke Diskussion und die Bereitschaft der Politik, den digitalen Wandel grün und sozial verträglich zu gestalten.

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