Digital Kontrovers! #12 vom 9. Dezember 2019

Report: „Selbstregulierung oder staatliche Eingriffe?“

„Gig-Economy“ als Fluch oder Segen für den Globalen Süden beschäftigte die 12. Auflage des BMZ-Streitgesprächs Digital Kontrovers!

Der Abend begann mit einem gewagten Vergleich von Elvis Melia, der am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik Fragen zu „Transformation of Economic and Social Systems“ untersucht. Für ihn seien Online-Arbeiter und Migranten und Migrantinnen, die versuchten, per Schiff nach Europa zu gelangen, in der gleichen Situation. Sie setzten oft viel Geld ein, hätten große Hoffnungen, und trotzdem sei ihre Zukunft immer ungewiss. Beides seien steinige Wege, zu Arbeit und einem bisschen Wohlstand zu gelangen.

Ob man überhaupt von Wohlstand sprechen könne und ob die „Gig-Economy“ Fluch oder Segen für den Globalen Süden sei, darum ging es einen informationsreichen Abend lang bei der neuen Auflage des BMZ-Streitgesprächs Digital Kontrovers! #12 zur „Plattformökonomie“.

Wie sehr die digitale Arbeit bereits einzelne Länder beherrsche, machte Prof. Balaji Parthasarathy vom International Institute of Information Technology Bangalore, in seinem aus Indien live übertragenen Vortrag klar. Indien, Bangladesch, USA, Pakistan, England und die Ukraine seien die größten Plattform-Arbeitsmärkte der Welt. Weit über 80 Prozent arbeiteten in Indien in informellen Arbeitsverhältnissen ohne soziale Absicherung und Verträge.

Wie Prof. Parthasarathy machte auch die Pro-Sprecherin Adél Holdampf-Wendel, Bereichsleiterin Arbeitsrecht und Arbeit 4.0 beim Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), deutlich: Plattformarbeit bringe dem Globalen Süden Arbeit und Einkommen auch in die entlegendsten Winkel und in einer nie dagewesenen Flexibilität für die Arbeitenden. Sie ermögliche eine neue Angebotsvielfalt an Dienstleistungen an einem Ort, günstige Preise und sei umwelt- und ressourcenschonend.

Die Kehrseite der Plattformarbeit: Sie ist oft nur ein Zuverdienst. Die Flexibilität für die Arbeitenden oft verbunden mit ad-hoc-Nacht- und Wochenendarbeit für geringen Lohn (was Frauen mit Kindern oft wieder ausschließe). Oder sie verschärft die Konkurrenz und führt zu Jobverlust, wachsender Unsicherheit und geringerem Einkommen auch für die abhängig Beschäftigten in diesem Markt, wie häufig in Verbindung mit dem Fahrunternehmen UBER beobachtet.

„In der Zukunft wird jeder Dritte seine Arbeit von Digitalen Plattformen beziehen.“ Diese Prognose brachte Dr. Kelle Howson, Forscherin vom Oxford Internet Institute, in ihrem Zwischenruf ein und stellte die Arbeit der „Fair Work Foundation“ vor. Diese entwickelten Kriterien für faires digitales Arbeiten sowie einen Zertifizierungsprozess für Plattformen und wird in ihrer Arbeit durch das BMZ unterstützt.

Selbstregulierung statt staatlicher Eingriffe zur Verbesserung der Situation der Online-Arbeiter sahen alle Diskussionsteilnehmer als die bessere Möglichkeit an, der Ausbeutung, Rechtlosigkeit und dem Rassismus in der Plattformarbeit entgegenwirken zu können. Wobei die Effektivität von Selbstregulation aber auch von der Stärke nicht staatlicher, sozialer Akteure abhänge – wie insbesondere der Koalitionsmöglichkeiten von Beschäftigen bzw. der Freiheit gewerkschaftlicher Aktivitäten.
In diesem Sinne hat z.B. die Fairwork Foundation fünf Prinzipien entwickelt, die die Situation verbessern können: faire Bezahlung, faire Bedingungen, faire Verträge, faires Management und faire Repräsentation der Stimme der Arbeitenden.

Prof. Parthasarathy aus Bangalore brachte in seinem Vortag auch das erfolgreiche Rating von Plattformen ins Gespräch, das später alle Podiums-Sprecher und Sprecherinnen als heute wirksamste Methode der Selbstregulierung über den Markt sahen.

Als Fazit des Abends fasste am Ende Moderatorin Julia Wadhawan kurz und knapp zusammen: „Die Online-Arbeit wächst und wächst. Wir müssen dringend Regeln finden und durchsetzen, wie sie überall auf der Welt fair und menschlich gestaltet werden kann.“

Digital Kontrovers! #12 Plattformökonomie - Von UBER bis Amazon – ist die „Gig-Economy“ Fluch oder Segen für den Globalen Süden?

Sie sind beinahe alltäglich und jeder kennt sie – multinationale Unternehmen wie Amazon, Uber oder Airbnb. Auf digitalen Plattformen bieten sie weltweit Waren und Dienstleistungen an. Der Zugang zu diesen globalen und digitalen Marktplätzen ist denkbar einfach. Internetanschluss und Smartphone genügen. Das freut vor allem die Nutzerinnen und Nutzer.Digitale Plattformen enthalten auch ein Versprechen an die Beschäftigten, sogenannte Gig-Worker: Durch digitale Plattformen und online generierte Aufträge (engl.: „gigs“) können neue Einkommensmöglichkeiten entstehen. Cloudbasierte Dienstleistungen, wie Übersetzungen, Grafik-Design oder Programmierungen, können von überall auf der Welt zeitlich flexibel erledigt werden. Diese Plattformen bieten damit vor allem im Globalen Süden ungeahnte Beschäftigungsperspektiven.Soweit die Theorie. Was zunächst einmal nach wirtschaftlicher Inklusion klingt, kann in der Praxis zu prekären Arbeitsbedingungen führen – sowohl in Deutschland als auch in Entwicklungsländern. Beschäftigte auf diesen Plattformen arbeiten in der Regel ohne Sozial- und Rentenversicherung und werden für ihre Aufträge häufig schlecht vergütet.Bei Digital Kontrovers! fragen wir diesmal danach, welche Möglichkeiten es gibt, die Plattformökonomie so zu gestalten, dass sie das Individuum und seine Rechte achtet. Wie können wir verhindern, dass Menschen zu „digitalen Tagelöhnern“ werden, und wie unterstützen wir gerade in der Entwicklungszusammenarbeit nachhaltige Geschäftsmodelle, sowie faire und zukunftssicherer Arbeit? Und wie schöpfen wir das Versprechen aus, dass Online-Plattformen im Globalen Süden Arbeit formalisieren werden?Das Streitgespräch Digital Kontrovers! will dabei wie immer auch unbequeme Meinungen ins Scheinwerferlicht rücken. Es strebt bewusst eine Vielfalt an, um zusammen die Möglichkeiten einer modernen Entwicklungspolitik zu erforschen.

Gepostet von Digital Kontrovers am Montag, 9. Dezember 2019

Fotos: Saskia Uppenkamp